Am Mikrophon: Gerhard Wahle

Armut - Schuld oder Schicksal?

Wie weit ist Armut verbreitet?
Alleinerziehende mit fünf Kindern
Wieviel Sozialhilfe gibt es eigentlich?
Arbeit für Sozialhilfeempfänger
Arm trotz Arbeit
Schuldnerberatung
Müssen wir Armut akzeptieren?

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Was ist Armut?
Die einzelnen Beiträge können Sie im Real-Audio-Verfahren anhören.

1. Jingle

"Uniwelle"-Jingle. Mit der Werkstatt. Heute beschäftigen wir uns mit den Schwächsten der Gesellschaft, den Armen. Wie wird man arm, wie sieht ein Leben in Armut aus. Dazu Beiträge und ein Studiogespräch. Am Mikrophon: Gerhard Wahle
 

2. Umfrage

Uniwelle, mit der Werkstatt zum Thema Armut. Im Studio begrüß' ich Jürgen Volkert, Armutsexperte des Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung in Tübingen. Er wird uns in der kommenden Stunde durch die Sendung begleiten. Guten Tag, Herr Volkert!

Guten Tag, Herr Wahle!

Bevor wir in das Thema einsteigen, wollen wir erst mal klären: Armut, was ist das überhaupt? Ab wann gilt jemand eigentlich als arm und: wie weit ist Armut in Deutschland verbreitet. Bevor wir den Experten zu Wort kommen lassen, wollen wir erst mal hören, wie die Leute auf der Straße darüber denken:

"Im Vergleich mit dem Ausland, leben wir immer noch wie die Fettaugen auf der Suppe hier in Deutschland, selbst die, die nicht ganz so reich sind."
"Wenn man mittags nichts mehr zu essen hat, wenn man keine Heizung hat, wenn man nicht zum Arzt gehen kann, wenn man kein Geld dafür hat, wenn man die Kinder nicht anziehen kann. In meinem Kreise, also den ich so sehe, sehe ich das nicht."
"Nee, ist hier absolut auch da; überall, wo man hinguckt. Also das ist ganz offensichtlich. Du brauchst ja nur in die Altstadt zu laufen, und da hast du sie."
"I krieg 543 Mark im Monat Sozialhilfe, andere kriegen's in den Arsch gesteckt, kriegen einen dicken Daimler, und ich? Was krieg ich? Gar Nichts."
"Daß manche Reichen es verstehen, Millionen an Steuern zu hinterziehen, die dann im Sozialbereich wieder eingespart werden sollen. Ja, was fällt mir sonst noch dazu ein? Daß es ganz viele Obdachlose gibt, manche Leute sagen: haben selber Schuld, aber das ist natürlich Schwachsinn. Irgendwie sind es die Schwächsten der Gesellschaft, die es immer wieder trifft."
"Ha! Daß ich morgens keinen Kaffee hab, nix zu essen hab und so weiter hab. Daß ich keine Miete zahlen kann und demnächst sowieso wieder auf der Parkbank penn'. Ende!"
 

3. Studiogespräch


Ja, die Dame zum Schluß werden wir wohl unstreitig als arm bezeichnen dürfen. Aber ab wann gilt man eigentlich als arm, wo sind da die Grenzen zu ziehen? Wenn ich das, was in der Umfrage gesagt wurde, mal zusammenfasse: Die Leute haben ja gesagt, arm ist, wer nicht genug Geld zu leben hat. Sie gehen also von einem absoluten Existenzminimum aus, von einem bestimmten Betrag, der eben ermittelt werden muß, und wer darunter liegt, ist arm. Herr Volkert, können Sie als Wissenschaftler einem solchen Armutsbegriff folgen, oder verwenden Sie eine andere Definition?

Wissenschaftlich gibt es sehr verschiedene Armutsmaße, je nachdem, was mit dem einzelnen Untersuchungsobjekt erreicht werden soll. Das heißt zum Beispiel, wenn ich messen möchte, wieviel braucht jemand, um absolut zu überleben, dann brauch' ich gerade solch ein absolutes Armutsmaß. Dann kann ich in Entwicklungsländern messen, wieviel Einkommen braucht jemand, um sich Nahrung einkaufen zu können, was zum Wohnen zu haben, überhaupt was zum Überleben zu haben.
In Industrieländern sieht das anders aus, da kann ich auch sagen: Man muß mehr haben als nur das physische Existenzminimum, man braucht auch noch zusätzlich zum Beispiel die Möglichkeit, ins Kino zu gehen ab und zu. Solche Dinge wären aber auch nun absolute Armutsmaße.
Das wäre die eine Seite, die andere Seite ist die, wenn ich fragen möchte: Armut und Ungleichheit - wie hängt das zusammen? Dann muß ich natürlich auch vergleichen, wie geht's den andern. Und dann komm ich zu den sogenannten relativen Armutsmaßen. Da fragt zum Beispiel die Europäische Union: Welcher Anteil der Bevölkerung hat ein Einkommen, das unterhalb von 50 % des Durchschnittseinkommen liegt? Das wäre ein relatives Armutsmaß, das häufig verwendet wird, wissenschaftlich umstritten ist, aber - weil wir nicht genügend Daten haben - meistens verwendet wird.

Wieviele Menschen in Deutschland fallen denn unter ein solches Armutsmaß?

Wenn wir gerade die 50%-Grenze nehmen, dann können wir sehen, daß 12% Deutsche in West-Deutschland arm sind, 7 % in Ostdeutschland, bezogen auf ostdeutsche Einkommen. Das heißt: 7 % der Ostdeutschen haben weniger als 50 % des Einkommens in Ostdeutschland. Wenn wir das ganze auf die westdeutschen Einkommen beziehen, dann haben wir 20 %, jeden 5. Ostdeutschen, der weniger als die Hälfte hat des durchschnittlichen westdeutschen Einkommens.

Und haben Sie da spezielle Zahlen auch für Tübingen?

Für die regionalen Fragen haben wir ein großes Problem. Da gibt es nämlich diese Daten normalerweise nicht. Man behilft sich dann mit der Zahl der Sozialhilfeempfänger. Und das ist natürlich umstritten, denn die Ämter sagen zurecht: Wenn jemand Sozialhilfe bekommt, dann ist er nicht mehr arm.
Wie sieht das statistisch aus? Seit 1978 hat ein durchschnittlicher Sozialhilfeempfänger weniger als 50 % des Durchschnittseinkommens. Das heißt, streng genommen können wir sagen, ein Sozialhilfeempfänger ist im Durchschnitt arm.
Schauen wir das mal an in Tübingen. Hier gibt es im Landkreis 5.000 Empfänger von laufender Hilfe zum Lebensunterhalt, in der Stadt 2.000. Das heißt, auf 1000 Einwohner kommen etwa 25 Empfänger von laufender Hilfe zum Lebensunterhalt, das ist im baden-württembergischen Schnitt, kann man sagen.

Man spricht ja oft von der Zwei-Drittel-Gesellschaft, daß über ein Drittel der Gesellschaft arm ist. Ja, stimmt denn der Begriff überhaupt nicht?

Die Zwei-Drittel-Gesellschaft stimmt dann nicht, wenn man damit annimmt, daß ein Drittel der Gesellschaft dauerhaft in Armut lebt. Das ist falsch. Richtig ist, daß jeder dritte Haushalt in einem längeren Zeitraum - etwa 8 Jahre - irgendwann einmal arm ist. Das heißt, wir haben hier keine Verfestigung von Armut, sondern eine Armutsgefährdung breiter Schichten.
 

4. Fortsetzung Studiogespräch

Herr Volkert, Sie haben gerade eben gesagt, jeder Dritte Haushalt wird innerhalb von 8 Jahren einmal arm. Welche Ursachen gibt es denn dafür?

Die Ursachen, daß Armut kein Randgruppenproblem mehr ist, liegen in verschiedenen wichtigen Faktoren. Ein ganz wichtiger, der zur Armut führt, ist bei uns inzwischen Arbeitslosigkeit. Mehr als jeder Dritte der Empfänger von laufender Hilfe zum Lebensunterhalt, bekommt diese Hilfe, weil er arbeitslos ist.  Ein ganz wichtiges Problem ist die Langzeitarbeitslosigkeit. Die Leute bekommen nach einer bestimmten Zeit nicht mehr Arbeitslosengeld ausbezahlt und werden dann irgendwann in die Sozialhilfe abgedrängt.
Ein weiterer Punkt neben der Arbeitslosigkeit ist ein unzureichender Familienlastenausgleich bei großen Familien. Wir müssen sehen, 37 % aller Bezieher von laufender Hilfe zum Lebensunterhalt sind inzwischen Kinder. Wir haben ein entsprechendes Problem auch bei Alleinerziehenden. Dort ist es nicht nur der Familienlastenausgleich, der fehlt, sondern hier haben wir auch ausfallende Unterhaltszahlungen, Probleme mit der Kinderbetreuung, Abzüge bei Arbeitsaufnahme.
Weitere Gruppen, die wir haben: Ausländer - bei denen führen geringe Einkommen zu einer geringeren Absicherung -, Asylbewerber, dort setzt das Asylbewerberleistungsgesetz die Unterstützung bewußt nach unten. Wir haben Behinderte in Werkstätten, die dort bei einem ganzen Tag Arbeit gerade mal 235 Mark Durchschnittseinkommen beziehen.
Und wir haben weiterhin Pflegebedürftigkeit as Armutsrisiko. Da hat sich einiges verbessert durch die Pflegeversicherung, aber das heißt nicht, daß das Problem in den Pflegeheimen gelöst ist.
 

5. Alleinerziehende Mutter

Also wenn ich mal zusammenfassen will. Das Armutsrisiko steigt eigentlich dann, wenn ein Einkommen wegfällt und das Geld vorher schon knapp war. Gerade bei Familien mit mehreren Kindern ist das sehr häufig so und wenn dann ein Ernährer wegfällt, etwa durch Arbeitslosigkeit oder Scheidung - beides nicht gerade selten in unserer Gesellschaft -, dann bleibt eben nur noch der Gang aufs Sozialamt. So ging es übrigens auch Elke S. Sie ist alleinerziehende Mutter von 5 Kindern. Wir haben sie einmal besucht, um mehr darüber zu erfahren, wie sie arm geworden ist und wie sie heute lebt.

Manuskript