Erstausstrahlung:
18. November 1998
Länge:
7:57 min
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Der Wahrheit auf der Spur: Tatsachenfeststellung vor Gericht. Wie sich Irrtümer erkennen und Lügenkomplotte aufdecken lassen

Kommunikationspsychologie: Mißverständnisse, aktives Zuhören und Unangenehmes mitteilen

Armut - Schuld oder Schicksal


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Aus Streithähnen Partner machen
Mediation - eine neue Streitschlichtungsmethode

Anmoderation::
Wie kann man aus den verfeindetsten Streithähnen Partner machen? Sie sagen, das ist unmöglich? Dann haben Sie noch nie etwas von Mediation gehört. Die Mediation ist eine neue Art, Konflikte beizulegen.


Seit zweieinhalbtausend Jahren ist der Gerichtsprozeß in unseren Breitengraden die gängigste Form, einen Streit zu entscheiden und - so hofft man - den Konflikt zu lösen: Zwei miteinander unvereinbarende Positionen stehen sich gegenüber, und die Justiz muß entscheiden, welche sich von beiden durchsetzt.
Eine solche Art von - scheinbarer - Konfliktlösung ist nicht das Optimum, sagen die Psychologen, die alternative Konfliktbeilegungs-Methoden entwickelt haben. Das Urteil steht eben am Ende des "Prozesses". Das Beispiel der Nachbarschaftsstreitigkeiten zeigt, daß die Prozeßbeteiligten häufig auch noch nach dem Urteil miteinander auskommen müssen und ein Prozeß die Beziehung eher belastet als entlastet. Außerdem: Ein Richterspruch wird den Beteiligten aufgezwungen. Der Verlierer muß ihn eben schlucken. Anders bei der Mediation. Dort gestalten die Streithähne die Lösung selber - und das ist nach Ansicht des Seminarleiters Fritjof Haft, Strafrechtler aus Tübingen, das große Plus der Mediation:

O-Ton Haft:
"Sie hat grundsätzlich den Vorteil, daß die Beteiligten selbst über die Beilegung ihres Konfliktes verhandeln, daß sie dabei kreativ nach Lösungen suchen, die den beiderseitigen Interessen gerecht werden, daß sie also ein Stück Parteiautonomie verwirklichen."
Und wer ein Urteil selber mitgestaltet, der kann sich auch besser damit identifizieren. Mit dem Ergebnis der Mediation hat man zwar keinen juristisch vollstreckbaren Titel, aber in der Regel halten sich die Parteien an die Abmachung. Diese Erfahrung machte zumindest der Referent Karsten-Michael Ortloff, Richter am Verwaltungsgericht in Berlin - einer der wenigen Richter in Deutschland, die die Mediation einsetzen. Damit lassen sich nämlich verblüffende Kompromisse erzielen, die in einem normalen Gerichtsverfahren, in dem stur Ansprüche geprüft werden, gar nicht möglich sind. Zu diesem Fazit kam auch Claudia Schanz, eine Seminarteilnehmerin, die ein Jahr lang im Heimatland der Mediation, den USA, studiert und diese Form der Konfliktbewältigung schätzen gelernt hat:
 O-Ton Schanz:
"Also ich erinner' mich an einen Fall, da ging's um das Haus einer alten Frau inmitten einer größeren Stadt, ich glaub' es war Vancouver, die einfach ihr Haus nicht abgeben wollte, um da 'ne Einkaufsmall hinzustellen, also es war ein Riesenprojekt geplant und eine Anwohnerin hat sich da geweigert. Die Frau war über 80 und hat gesagt, sie gibt ihr Haus auf jeden Fall nicht ab, sie war in einem Alter, wo Geld nicht mehr so eine große Rolle spielt, das heißt die Projektplaner konnten sie damit auch nicht mehr reizen und sie wollte einfach nur in dem Haus sterben und innerhalb ihrer Erinnerung bleiben und ihren Garten, den sich da jahrelang also aufgebaut hat nicht verlieren und das Projekt ging dann also so zu Ende, daß die Mall praktisch U-förmig um dieses Haus herumgebaut wurde. Die Frau konnte in dem Haus wohnen bleiben und der Garten war innerhalb der Mall eingebettet und also doch eine einvernehmliche Lösung, womit alle zufrieden waren. Sie hat dann ihre restlichen Ländereien drumrum abgegeben und hat dann in ihrem Haus bleiben dürfen bis zu ihrem Ende."
 
 
Wie hätte man durch ein Gerichtsurteil das gleiche Ergebnis erzielen können? Die ernüchternde Antwort: Gar nicht. Denn in einem Urteil wäre nur festgestellt worden, wer im Recht ist - die alte Frau oder die Betreiber des Einkaufszentrums. Einer von beiden wäre mit leeren Händen aus dem Gerichtssaal gegangen. Durch die Mediation werden beide Interessen bedient: Die Betreiber konnten ihr Einkaufszentrum errichten und die alte Frau in ihrem Haus wohnen bleiben.
Ziel des Seminars war es, den Studenten einen Weg zu zeigen, wie solche Ergebnisse erzielt werden können. Eine Schlüsselposition nimmt dabei der Mediator ein. Er ist eine Vermittlungsperson zwischen den Parteien und muß dafür bestimmte Voraussetzungen mitbringen. Karsten-Michael Ortloff vom Verwaltungsgericht in Berlin:
 O-Ton Ortloff:
"Die wichtigste Voraussetzung ist zweifelsohne die, daß ein Mediator versteht, wie Verhandlungen zwischen zwei Parteien stattfinden, er muß also etwas über Verhandlungspsychologie wissen, er muß sich an Verhandlungsmodellen orientieren, etwa an dem Harvard-Konzept, das ja in Deutschland inzwischen auch gelehrt und trainiert wird; und er muß wissen, wie Menschen in unterschiedlichen Situationen aufeinander reagieren, welche Typen von Menschen es gibt, wie sie verhandeln - kooperative, kompetentive und andere Typen und er muß in der Lage sein, sich so zurückzunehmen, daß er nur die Verhandlungspartner zu Wort kommen läßt und sie aktiviert, wieder miteinander zu reden."
Verwaltungsrichter Ortloff führt die Mediation parallel zum schwebenden Verfahren durch, denn der Mediator hat im Gegensatz zum Richter keinerlei Entscheidungsmacht: Den Kompromiß sollen ja die beteiligten Parteien aushandeln.
Sie sind es, die die Fäden im gesamten Verfahren in den Händen halten. Sie wählen den Mediator selber aus, bestimmen die Verfahrensregeln und können die Mediation jederzeit abbrechen und wieder den Rechtsweg beschreiten. Dadurch fühlen sich die Beteiligten akzeptiert und gleichberechtigt - eine wichtige Voraussetzung für einen Konsens.
Ein weiterer Schritt dorthin ist es, nicht die Positionen, sondern die eigentlichen Interessen der Parteien zu finden. Fritjof Haft:
O-Ton Haft:
"Zu solchen Lösungen kommt man nicht, wenn man bei den Positionen verharrt, bei den Anträgen der Parteien, sondern wenn man ihre Interessen erforscht und wenn man dann kreativ überlegt, welche zusätzlichen Möglichkeiten gibt es, um zu einer Lösung zu finden, die möglichst allen gerecht wird."
 
 
Als Richter kann - und aus Fairneß will - Karsten-Michael Ortloff auch die Rechtslage zu Beginn der Mediation offen darlegen, damit die Parteien wissen, woran sie sind. Auf den ersten Blick scheint dadurch die Mediation unmöglich zu werden, denn wieso sollte sich jemand, der einen berechtigten Anspruch hat, auf einen Vergleich einlassen? Wenn er vernünftig ist, tut er es doch, denn ein Interesse besteht ja nicht nur darin, einen Anspruch überhaupt durchzusetzen, sondern auch schnell und günstig zu seinem Recht zu kommen.
Ortloff berichtet von einem Fall, in dem eine Behörde eine rechtswidrig betriebene Gaststätte zurecht schließen wollte. Die Mühlen der Justiz mahlen bekanntlich langsam, daher war auch der Zeitfaktor ein berechtigtes Interesse der Behörde; außerdem kostet ein solch langwieriger Prozeß von ein oder zwei Jahren wertvolle Arbeitszeit und macht nur Ärger. Die Behörde war also an einer gütlichen Beilegung sehr interessiert. Daher einigte man sich auf eine Art "Schonfrist". Der Gaststättenbetreiber verzichtete auf Rechtsmittel; und die Behörde kam ihm insoweit entgegen, daß sie seine Gaststätte noch solange duldete, wie das Verfahren normalerweise gedauert hätte. Er muß am Ende zwar auch schließen, hat aber dafür nicht die Prozeßkosten und weniger Ärger am Hals - und damit hat auch er etwas gewonnen. Nochmal Fritjof Haft:
 O-Ton Haft:
"In den USA spricht man von win-win-Negotiation; der Versuch, alle sollen etwas gewinnen und das Spiel der Verhandlung soll gespielt werden als Nicht-Nullsummenspiel, bei dem, wie es so schön heißt, der Kuchen vergrößert wird, damit mehr zum Teilen da ist und damit möglichst jeder etwas bekommen kann, was dem anderen nicht fehlt."
 
 
Geradezu prädestiniert ist die Mediation für Fälle, in denen Gläubiger die Schulden eintreiben wollen oder auch für Scheidungsfälle, in denen ein Ausgleich zwischen Unterhalt und Sorgerecht gefunden werden kann. Weitere boomende Einsatzbereiche sind das Wirtschafts- und das Umweltrecht. Demnächst wird Fritjof Haft sogar Mediator im strafrechtlichen Bereich sein.
Amerikanische Studien zeigen, daß 3 von 4 Verfahren zu einer gütlichen Einigung führen und so Streithähne zu kooperierenden Partnern machen. Die Erfolgsaussichten hängen aber immer von der Vergleichsbereitschaft der Streitparteien ab und davon, wie ernst die Mediation betrieben wird.