Kommunikationspsychologe Weisbach (l.) beim Interview mit Gerhard Wahle

Kommunikationspsychologie

Wie entstehen eigentlich Mißverständnisse? 
Mit vier Ohren hört der Mensch....

Aktives Zuhören
Die hohe Kunst des Zuhörens: Auf die Gefühle des anderen eingehen.

Lernen, mit Gefühlen umzugehen

Andere überzeugen
Im Dreischritt zum Ziel und den anderen beim Wort nehmen

Unangenehmes mitteilen
Sanfte Kritik, Beschwerden vorbringen und entgegennehmen

Spontaneität
Was geschieht, wenn wir Gefühle ansprechen?
Nervosität bekämpfen
und: Positives sprechen

Ist alles nur Manipulation?
Welche Rolle spielt Emotionale Intelligenz?


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Spontaneität
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Uniwelle, von Abele bis Zwirner. Heute mit dem Kommunikationspsychologen Christian-Rainer Weisbach. Herr Weisbach, Sie schreiben, daß es das Wichtigste ist, die Gefühle des anderen anzusprechen. Was passiert denn in dem Moment bei unserem Gesprächspartner innerlich?

Ja, das eine ist, daß sich der andere auf jeden Fall ernstgenommen fühlt. Übrigens spielt es keine Rolle, ob wir das Gefühl genau treffen oder ob wir es nur in etwa treffen. Die Erfahrung lehrt, daß der sich so Verstanden-Fühlende seinerseits sehr genau das Gefühl benennt. Also wenn jemand ärgerlich ist und es heißt: "Du bist enttäuscht" - was ja nicht das Gefühl von Ärger ist - wird er sagen: "Es ist mehr, daß ich mich geärgert hab." Also plötzlich können Menschen über Gefühle reden. Aber es passiert noch mehr:
Ich werde mir meines eigenen Gefühls bewußt und jetzt entsteht eine Paradoxie: Es gibt keine bewußte Spontaneität. Und Gefühle sind Spontan-Empfindungen, die meinem Willen nicht unterliegen. Menschen können nicht willentlich Gefühle hervorbringen oder an den Tag legen. Und sobald ich ein Gefühl bewußt erlebe, ist es um das ursprüngliche Gefühl geschehen. Und die Intensität meiner Empfindung geht verloren: Das gilt übrigens nicht nur im direkten Dialog, sondern auch im Selbstdialog: Wenn ich wahrnehme, daß ich mich ärgere und zu mir selbst sage: "Ich bin jetzt sauer und ärgere mich", dann bin ich vielleicht nicht gleich entspannt, aber das Gefühl von Ärger hat nicht mehr die gleiche Macht, die es vorher hatte.

Wenn ich mir jetzt bewußt mache, wie ich z.B. gerade einschlafe, dann kann ich auch nicht einschlafen!

Es ist die Paradoxie des bewußten Einschlafens. Das gibt's nicht! Sie können auch nicht bewußt Lampenfieber haben wollen. Wenn wir jetzt vor unserer Sendung etwas aufgeregt sind und die Finger zittern u.ä., was ja üblich ist, dann hört das Fingerzittern in dem Moment auf, in dem ch mir vornehme, mit den Finger zittern zu wollen. Weil ich ja, um einen aufgeregten Eindruck hinterlassen zu wollen bei Herrn Wahle anfange, mit den Händen zu zittern - das funktioniert nicht! Ich werde völlig entspannt!

Und die Technik kann man sicher auch als Student anwenden, wenn man gerade in irgendwelche Examenssituationen hineinmuß.

Ja! Wenn ich schon aufgeregt bin, dann kann ich mir schon vornehmen, wirklich aufgeregt zu sein. Wenn ich schon ins Haspeln komme und merke, daß ich mich jetzt eher in Kauderwelsch ergehe als in gutem Deutsch, dann kann ich mir begleitend selber den Befehl erteilen: "Also, dann verhaspel dich schon richtig! Dann schönes Blackout mit Filmriß!" Es funktioniert nicht! Das Blackout kann man nicht planen. Und plötzlich bin ich wieder ganz bei der Sache.

Also im Vorherein schon klarmachen: Wie reagiere ich, wenn ich in eine solche Situation komme. Also in einer mündlichen Prüfung zum Beispiel: Wenn mich der Prüfer etwas fragt, was ich nicht weiß.

Daß ich mir von vornherein eingestehe: In einer Prüfung kann ich scheitern, es können Fragen kommen, bei denen ich nichts zu antworten weiß. Das ist Prüfungsalltag! Aber wenn ich mir vorher erlaube zu scheitern, bin ich in der tatsächlichen Situation in der Lage, zu dem Prüfer zu sagen. "Können Sie zur nächsten Frage übergehen, damit wir die Zeit optimal nutzen und Sie ein optimales Bild von mir bekommen."

Vielleicht auch wichtig, vor Prüfungen sich nicht einzureden: "Nicht durchfallen, nicht durchfallen", sondern sich die Ziele positiver formulieren, z.B. "Die Prüfung gut bestehen".

Ja, das hat wieder was mit unserer Gehirnverarbeitung zu tun, daß wir uns Handlungen, die wir im Begriffe sind auszuführen, längst im Gehirn komplett vorgestellt haben. Also den Vollzug der Handlung gibt es vorab schon als geschlossenes Bild. Und: die Verneinung kann man im Bild nicht darstellen.  Ich kann das Bild allenfalls durchstreichen, aber damit ist es nur ein durchgestrichenes Bild. Vielleicht erinnern sich die Hörer an die leidige Situation aus dem Sportunterricht mit dem Staffelholz, das man ja nicht fallen lassen darf. Und die Konzentration auf das Nichtfallenlassen des Staffelholzes hat bei fast jeder Sportstaffel dazu geführt, daß das Holz doch irgendwann fiel. Aber das Bild hätte lauten müssen: "Ich übergebe das Staffelholz in die Hand des Nächsten." Mit diesem Bild bin ich wesentlich zielorientierter, als mit dem Bild, es nicht fallen zu lassen. Denn im Geiste sehe ich ja schon, wie das Staffelholz auf der Aschenbahn liegt.


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