Kommunikationspsychologe Weisbach (l.) beim Interview mit Gerhard Wahle

Kommunikationspsychologie

Wie entstehen eigentlich Mißverständnisse? 
Mit vier Ohren hört der Mensch...

Aktives Zuhören
Die hohe Kunst des Zuhörens: Auf die Gefühle des anderen eingehen.

Lernen, mit Gefühlen umzugehen

Andere überzeugen
Im Dreischritt zum Ziel und den anderen beim Wort nehmen

Unangenehmes mitteilen
Sanfte Kritik, Beschwerden vorbringen und entgegennehmen

Spontaneität
Was geschieht, wenn wir Gefühle ansprechen?
Nervosität bekämpfen
und: Positives sprechen

Ist alles nur Manipulation?
Welche Rolle spielt Emotionale Intelligenz?


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Aktives Zuhören
Die hohe Kunst des richtigen Zuhörens
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Uniwelle, von Abele bis Zwirner. Zu Gast ist Christian Weisbach, Autor des Buches "Professionelle Gesprächsführung". Gerade eben haben wir uns schon unterhalten, wie Mißverständnisse entstehen können. Nämlich zum einen dadurch, daß die gesendeten Botschaften nicht richtig ankommen. Ich denke mir, ein Grund könnte auch sein, daß man sich aneinander einfach vorbeiredet. Herr Weisbach, dabei ist Zuhören ja auch wichtig für ein Gespräch. Kann man richtig zuhören?

Üblicherweise gehen wir davon aus, daß das Vorhandensein von zwei Ohren ausreicht, daß jeder zuhören kann. Die Schule kennt kein Ausbildungsfach "Zuhören" und an der Hochschule weiß jeder Studierende, wie mühsam es ist, genau das zu hören, worauf es ankommt. Man hat es in der Schule nicht gelernt, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden oder das Wesentliche einer Aussage zu erkennen.
Es ist ein Unterschied, ob ich das Zuhören pro forma betreibe, also meinen Mund halte und nur darauf warte, daß ich dran bin. Das würde ich ein formales Zuhören nennen. Oder ob ich mich wirklich mit dem, was der andere sagt, auseinandersetze. Das wäre ein aufnehmendes Zuhören.
Es gibt aber noch ein differenzierteres Zuhören. Daß ich die Zeit, während der andere spricht, nutze, mir darüber klar zu werden: Was will der andere sagen? Im klassischen Gespräch nutze ich die Zeit, während der andere spricht, um mich zu fragen, was will ich sagen, wenn er endlich fertig ist.
Um aber auf das einzugehen, was der andere gesagt hat, könnte ich mir angewöhnen, es mit eigenen Worten zu wiederholen. Die Griechen nannten das schon die Paraphrase. In den platonischen Dialogen des Sokrates ist das Gang und Gäbe gewesen. Bis zum ausgehenden Mittelalter war das auch an unserer Hochschule Gang und Gäbe. Heute kann das fast keiner mehr.

In Ihrem Buch schreiben Sie über aktives Zuhören. Können Sie uns vielleicht ein Beispiel geben, wie aktives Zuhören funktioniert?

Aktives Zuhören ist nun die hohe Kunst - während ich mich beim umschreibenden Zuhören wenigstens an den Wortlaut halten kann, den ich mit meinen Worten wiederhole - soll ich beim aktiven Zuhören auf das eingehen, was der andere zwischen den Zeilen zum Ausdruck bringt, ohne dafür eigens Wörter zu benutzen. Das heißt der Tonfall, die Stimmlage, auch der Gesichtsausdruck spiegelt wider, wie ihm zumute ist. Der ganze Gefühlsanteil schwingt in einer Aussage mit, ohne daß jemand Wörter dafür tatsächlich verwendet, die seinen Gefühlsanteil wiedergeben.
Wir sagen ja auch üblicherweise auch nicht: "Ich bin jetzt ärgerlich auf dich", wenn jemand zu spät kommt, sondern wir sagen mit dem Tonfall von Ungehaltensein: "Sag mal, wo kommst du jetzt eigentlich her?" Und der andere soll spüren, daß wir verflixt aufgebracht sind.
Und aktives Zuhören versucht nun, diesen mitschwingenden Gefühlsanteil in Worte zu kleiden. Also der so Gemaßregelte beispielsweise auf den Satz: "Wo kommst du eigentlich her?" könnte erwidern: "Das stinkt dir, daß ich jetzt erst komm'." oder: "Du bist ärgerlich, daß du solange warten mußtest." Er geht damit auf das ein, was den anderen tatsächlich beschäftigt, nämlich auf sein ureigenstes Gefühl.

Und das nimmt der andere dann auch anders, positiver auf.

Ja, es gibt ein Bestreben von uns Menschen, daß wir im Grunde alle nach einem und demselben Ziel trachten: Wir möchten alle ernstgenommen werden. Jeder, auch die Hörer jetzt zuhause, haben von morgens bis abends nur ein Ziel: Sie möchten ernst genommen werden, sie möchten respektiert werden, sie möchten beachtet, geachtet werden. Und sobald ich wahrnehme, daß ein anderer Mensch mich wirklich ernst nimmt, geht's mir gut.
Wenn jemand auf meine Gefühle eingeht und ich nehme wahr: "Das stimmt. Genau! Ich bin ärgerlich, ich bin aufgebracht. Das kratzt mich gerade." Und ich nehm wahr, der andere kriegt's mit, muß ich meinen Ärger nicht weiter zur Schau stellen. Das muß ich, wenn ich merke, daß sich der andere über meinen Ärger hinwegsetzt.
Ich bleib mal eben in dem Beispiel: Der Wartende, der den Zuspätkommenden kritisiert: "Sag mal, wo kommst du eigentlich her?" kriegt zur Antwort: "Nun reg dich doch nicht auf!"
Das heißt, es ist auf sein Gefühl von Ärger überhaupt nicht eingegangen worden, und die Wahrscheinlichkeit ist groß, daß dieser Ärger nun zum Aufbrausen führt.

Und damit wird alles noch viel schlimmer.

Und den Mißverständnissen und Folgeproblemen ist Tür und Tor geöffnet.


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